Louise Gold

„Ich sehe mich nicht als gradlinige Erzählerin, sondern spiegele lieber Perspektiven und Stimmungen.“

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Louise Gold

Welche deutsche Indiepop-Musikerin hat zuletzt Schlagzeilen in amerikanischen Medien gemacht? Louise Gold, im August 2014. Nicht nur die Huffington Post und das Vice Magazine würdigten Golds spektakuläre Coverversion von John Lennons „Oh My Love“. Auch in Japan und Südafrika, Finnland und Russland wurde das dazugehörige Video vielfach beachtet. Der Coup der Sängerin und Gitarristin aus Berlin: ihre eigenwillige Version des Songs basiert auf dem Herzschlag Neil Armstrongs, während er vor 45 Jahren als erster Mensch den Mond betrat. „In meinen Ohren vermittelt Lennons Stück eine Art staunende Überraschung“, sagt Louise Gold, „deswegen hatte ich die Idee, ihm noch mehr Schwerelosigkeit zu geben.“ Neben den bemerkenswert ruhigen Herzschlägen Armstrongs nutzte sie auch extrahierte Klänge der Planeten Jupiter und Venus. Illustriert durch Bilder der Mondlandung, war Golds Youtube-Hit perfekt.

 

Ein Faible für Weite zeigt Louise Gold auch auf ihrem neuen Album Terra Caprice. Nunmehr fest geerdet, kreuzt sie hier durch Stimmungsbilder und Panoramen, die eng mit den Ur-Mythen der USA verbunden sind.

Schon bevor Louise Gold 2014 vom renommierten South by Southwest-Festival in Austin, Texas, eingeladen wurde, hatte sie Songs zwischen Pop und Americana geschrieben. „Die Vereinigten Staaten haben mich immer angezogen,“, erklärt Louise Gold. „weil ich so viel Musik von dort höre, die meine Vorstellung vom Land sehr geprägt hat.“ Kurz nach ersten Studiosessions in Berlin überquerte Gold wieder den Atlantik, diesmal mit Ziel Tucson, Arizona. Gold lebte auf einer Farm am Stadtrand, freundete sich mit Menschen und Pferden an und ließ sich von der weiten Landschaft und dem Lifestyle inspirieren. „Ich bin dort zum ersten Mal auf einem Pferd geritten“, erzählt Gold begeistert, „bei County Fairs und Rodeos wurde mir klar, dass meine Vorstellungen dort schlicht Alltag sind.“ Beflügelt von solchen Eindrücken entstanden weitere Songs, die Terra Caprice schließlich zu Louise Golds persönlichem Amerika-Roadmovie werden ließen.

 

Rückblende
Anfang der neunziger Jahre, als in ihrer Heimatstadt Potsdam wenig vorwärts ging, in Berlin hingegen alles möglich schien, zog Louise Gold um. Gerade volljährig geworden, tauchte sie in jenes Bohème-Leben ein, das den legendären Nachwende-Ruf der Hauptstadt prägte. Fünf Jahre spielte die Autodidaktin unter dem Projektnamen Recorder elektronischen Trip Hop. Nebenbei führte Louise Gold mit Freunden die nicht ganz legale Tallulah Bar in einem alten Fabrikgelände. „Diese Zeit war wirklich inspirierend“, erinnert sich Gold, „wir konnten alles Mögliche ausprobieren, unseren Ideen und Impulsen folgen.“

 

Musikalisch hat Louise Gold tatsächlich einiges ausgelotet. „Beim Trip Hop fand ich vor allem spannend, mit gebrochenen Beats zu spielen“, erklärt sie, „daneben habe ich damals viel Jazz aus den Dreißigern bis Sechzigern gehört, von Sarah Vaughn und Billie Holiday bis Art Blakey.“ Hinzu kamen Querdenkerinnen wie Kate Bush, PJ Harvey und Gillian Welch. Zwischenzeitlich beteiligte sich Louise Gold an einem Theaterprojekt mit dem Schlagwerker F.M. Einheit, 2012 nahm sie unter dem Namen „Louise Gold & The Quarz Orchestra“ das Album Debut auf. Dafür schrieb sie Stücke, die mit Big Band- und Bossa Nova-Erinnerungen flirten. Die Produktion bot wieder neue Erfahrungen, „weil wir alles mit zehnköpfiger Band live und ohne Overdubs im Studio einspielten.“


Aufblende: Terra Caprice
Terra Caprice schließt nun den Kreis zu Louise Golds Frühphase als Singer-Songwriterin. Mit persönlichen Liedern steht sie wieder klar im Mittelpunkt, aber eben nicht alleine. Dank ihrer versierten Band (Louise Gold – Vocals, Gitarre, Florian Segelke – Gitarre, Hendrik Nehls – Bass, Daniel Lunkenheimer – Schlagzeug, Rolf Langhans – Keys) entwickelt die Musik neben Intensität auch Dynamik und, parallel zu Golds variablem Gesang, zuweilen sogar markante Klangkontraste.

 

Obwohl die Musiker schon bei Debut dabei waren, hat sich die Ästhetik aktuell prägnant gewandelt. Akustik-, Bariton- und E-Gitarren bestimmen das Klangbild, Hammond Orgel, Wurlitzer Piano oder Flügel sorgen für Tiefe. Detailgenaue Ideen für den mal Pop-, mal Rock-orientierten Sound lieferte Produzent und Studiobesitzer Guy Sternberg. Der Wahl-Berliner arbeitete bereits mit Künstlern wie Howe Gelb, Kraftclub, 2Raumwohnung, Maximilian Hecker, King Khan & The Shrines oder dem gefeierten Jazzvirtuosen Michael Wollny. „Wir haben einen sehr ähnlichen Geschmack“, erzählt Louise Gold, „Guy besorgte Vintage-Equipment und entwickelte gemeinsam mit dem Gitarristen Florian Segelke den typischen Surfgitarren-Sound.“

 

Terra Caprice meint „Land der Willkür“ und bezieht sich auf Jean-Luc Godards Science Fiction-Film Alphaville. Ähnlich wie dessen Drama reflektiert auch Louise Gold in ihren Songtexten über verhinderte Zwischenmenschlichkeit und unterbrochene Kommunikation. Wie kann man Menschen erreichen, die sich unerreichbar machen? Kann man eigene Emotionen aushalten, wenn sie nicht mehr aufzuhalten sind? Louise Gold ist nicht auf klare Antworten aus, kreiert stattdessen eine Poesie der Assoziationen. Dabei umschifft sie abgegriffene Metaphern, entwirft suggestive Vignetten oder Bildsequenzen statt eines durchgehenden Storyboards. „Ich sehe mich nicht als gradlinige Erzählerin, sondern spiegele lieber Perspektiven und Stimmungen.“

 

Stets atmosphärisch dicht, wirken die Songs mal nachdenklich-melancholisch, mal unwiderstehlich optimistisch. Beim Schreiben von „Where The Cowboys Will Ride“ hat sich Louise Gold „selbst berauscht“, wie sie lächelnd erklärt. „Delta Baby“ vermittelt in jeder Silbe und Note das neu gewonnene Glück auf dem Rücken der Pferde Arizonas. Manche Perspektivwechsel unterstreicht Gold durch unterschiedliche stimmliche Tonlagen, von klar und hell bis zu beinahe männlich-dunklen Registern. Görenhafte Naivität liegt ihr nicht, energischer Ausdruck hingegen schon, aber stets mit einer gewissen Eleganz. Richtig ruppig werden allenfalls die Gitarren, beispielsweise im Titelstück, das wie eine scharfe Entgegnung auf die absichtsvoll verklärte Kindheitserinnerung „In The Morning There Is Meaning“ folgt.

Louise Gold ist stets auf den Suche nach dem perfekten Popsong. Dabei denkt sie an große Melodien und besondere Harmonien, die starke Gefühle auslösen. Terra Caprice vermittelt eben solche Emotionen, von euphorisch bis nachdenklich, gekleidet in zeitlosen Pop. So ist das Album ein persönliches Statement einer im besten Sinne erwachsenen Songschreiberin.

 

„Während ich in den Staaten war fiel mir auf, dass es dort viele Gerüche gibt, die ich von hier nicht kenne“, erzählt Louise Gold, „beispielsweise überreife Kaktusfeigen, staubige Landschaften, ein verbrannter Rest Barbecue oder heiß gefahrene Autoreifen. Allgemein faszinieren mich Gerüche schon seit Jahren und so kam ich auf die Idee, den akustischen Roadtrip des Albums in einen Duft zu übersetzen, der eine ähnliche Story über den Geruchssinn erzählt.“ Nach ein wenig Recherche fand Louise Gold den idealen Partner für ihren Plan. Der Dresdener Parfumeur Uwe Herrich kreiert seit Jahren ungewöhnliche Düfte, indem er auf klassischem Weg bestimmte Duftnoten selbst extrahiert. „Gemeinsam suchten wir Essenzen und Substanzen, aus denen sich ein passender Geruch komponieren ließ. Uwe Herrich besorgte verschiedene Feigengerüche im französischen Parfum-Zentrum Grasse, andere Noten wie den Reifengeruch stellte er selbst aus Reifen her.“ Mit dem Duft, abgefüllt in Flacons zu 50 ml, kann man sich beim Hören des Albums umso leichter in die Weite Arizonas versetzen.

 

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