ANNE.FUER.SICH

INFO

Eröffnen wir diesen Infotext über eine zwar noch junge, aber in Wesenskern und Identität bereits enorm ziel- und stilsicheren deutschsprachigen Rockband mit zwei der gängigsten Vorurteile, die weithin über die deutsche Musik – und erst recht jene, die auf die Energie und Intensität von kraftvollen Gitarrenakkorden baut – existieren. Erstens: Deutsch als Musiksprache ist ein schweres Feld, umso mehr, wenn man als Formation eine klare Haltung hat und jene auch inhaltlich in den Texten ausdrücken will. Und weil das so ist, gibt es zweitens in der deutschsprachigen Musikszene kaum je Inhalt und umso mehr Plattitüden, deren gesellschaftskritische Bedeutung bestenfalls darin besteht, „An Tagen wie diesen“ als einer unter „80 Millionen“ „die perfekte Welle“ zu erwischen.

 

Das Schöne an einer Band wie dem Bremer Quintett ANNE.FUER.SICH, vor gerade einmal gut einem Jahr gegründet als ein Abenteuerspielplatz für fünf Musiker, die in ihren persönlichen Vorlieben und musikalischen Sozialisationen kaum weiter auseinander liegen könnten, ist nun aber dies: All das eingangs Beschriebene ist ihnen herzlich schnuppe, sie machen ihre Musik trotzdem beziehungsweise jetzt erst Recht – und ausschließlich so, wie sie es für richtig halten. Im Ergebnis, ihrem nun erscheinenden ersten Album, bedeutet das, dass man auf einen sehr gewitzten, versierten und in Momenten gern auch mal etwas vertrackten Rocksound trifft, der vieles zitiert, manches adaptiert, aber letztlich vor allem unverwechselbar und bemerkenswert zeitlos klingt. Gut ist, was gefällt, und zwar ausschließlich ihnen selber. Alles andere spielt keine große Rolle.

 

Bis auf eine grundlegende Maxime, die sich die fünf Musiker ganz zu Beginn selber setzten, wie Frontmann Marian erzählt: „Wir haben als Band eine sehr unmittelbare, stringente Arbeitsweise. Das war vom ersten Moment an so: Da haben wir uns gesagt, okay, wir brauchen jetzt möglichst schnell ein paar echt gute Songs, also lasst uns einfach anfangen. Wir haben uns da gegenseitig von Beginn an keine Vorgaben gemacht, sondern lassen jedem Musiker die Möglichkeit, sein eigenes musikalisches Empfinden in den Gesamtsound einzubringen.“ Ein weiser Schachzug angesichts der denkbar unterschiedlichen Herkünfte der beteiligten Musiker: Denn Manuel, Bassist und Shouter, kommt aus dem Punkrock und Collegepunk, Gitarrist Eddie fand sein Heil schon immer im so klassischen wie zeitlosen Rock'n'Roll, Sören, zweiter Gitarrist und kompositorischer Impulsgeber, bringt den klassischen Indierock der Neunziger mit an den Tisch, Schlagzeuger Henning trommelte vorher in Stoner- und Pop-Bands und Marian schärfte seine markante Mikro-Dringlichkeit ebenfalls zunächst im Punkrock, versteht sich inzwischen aber eher als Deutschrap-Connaisseur.

 

Einfach machen, was gefällt – ein Konzept, das in der deutschen Musik noch nie sonderlich weit verbreitet war. Umso mehr, wenn diesem so kompakten wie komplexen Alternative-Rock-Sound dann eben auch noch Texte beigefügt werden, die inhaltlich wie lyrisch Anspruch besitzen und sich auf eine süffisant kämpferische Art Themen jenseits der radiotauglichen Shalala-Leichtigkeit zuwenden. Die Existenz von ANNE.FUER.SICH belegt, dass es eben doch geht im deutschsprachigen Alternative-Rock: Zu machen, was die eigene Intuition befiehlt, unbeirrt diesem Weg zu folgen – und damit am Ende damit ein Publikum und eine hingebungsvolle Fanbase zu finden. Jene war und ist der Band schon jetzt dermaßen gewogen, dass sie ihr dabei half, das erforderliche Geld für die Albumaufnahmen lange vor Ablauf der Frist per Crowdfunding aufzutreiben. Ein Dienst an der Band und der Kunst im Generellen, der so viel mehr wiegt als ein schneller Radio-Hit. Denn es spricht für Konstanz, Konsistenz – und dafür, dass es mehr als genügend Menschen in diesem Land gibt, die genau so das hören wollen, was ANNE.FUER.SICH nun vorlegen.

 

Was letztlich zum Ende dieses Textes auf schönste Weise ein weiteres Vorurteil über deutschsprachige Musik widerlegt: Jenes, dass Substanz und Inhalt von Hörern nicht gewollt ist. ANNE.FUER.SICH sind der bestklingendste Gegenbeweis.