Christian Ronig
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Christian Ronig

„Vor tausenden Menschen in Athen vor der Akropolis zu spielen und zu sehen, die Leute finden gut, was ich mache, das war so ziemlich das Beste, was mir bisher passiert ist“, sagt Christian Ronig. „Und dann singe ich dieses Lied, das eigentlich alle kennen – nur eben komplett anders. Und plötzlich gibt es nach der ersten Strophe Szenenapplaus – und nach der zweiten nochmal, und am Ende bricht die Applaushölle los – danach konnte ich zwei Tage lang nicht schlafen.“

Mit griechischer Musik hatte der im Münsterland aufgewachsene Christian Ronig bis zur Uni zunächst nichts zu tun. Aber dann suchte die Hausband der griechischen Tapas-Kneipe Ouzeri in Münster einen neuen Gitarristen - und seitdem ließ er dort mit der Rembetiko-Band Hallas-Krisen-Kompania regelmäßig die Gäste auf den Tischen tanzen.

Christian beschäftigte sich zunehmend mit der traditionellen griechischen Musik und war von deren Tiefe und Komplexität verzaubert: „Diese Musik kann ganz unterschiedliche Stimmungen auf den Punkt bringen und klingt vielleicht erstmal ungewohnt, ist aber trotzdem rund.“ In seinem Freundeskreis stieß sein Enthusiasmus allerdings meist auf leere Blicke und betretenes Schweigen. Die anderen waren von der Fülle der Rhythmen, der fremden Instrumente, der Halbtöne und teils krummen Harmonien überfordert. Die eher orientalischen Tonskalen klangen fremd für westliche Ohren.

Also beschloss er, die griechischen Texte ins Englische und Deutsche zu übersetzen, in westliche Genres und auf moderne Instrumente zu übertragen. In Blues und Moll, mit Gitarre und Schlagzeug, statt mit Bouzouki und Doubeleki. „Das Herausfordernde war, nicht nur die Texte zu übersetzen, sondern eine Entsprechung zu finden, damit man das emotional nachvollziehen kann. Ich musste die griechischen Melodien in für Nicht-Griechen verständliche Genres übersetzen, ohne sie zu verbiegen. Als Kulturübersetzer sozusagen. Und dann hat es plötzlich funktioniert.“

Diese Übersetzungen fanden auf Umwegen ihren Weg zu einer Plattenfirma auf der Kykladeninsel Paros, die daraufhin Christians erstes Album Greece is mine produzierte, das sofort ein Riesenerfolg war: Die Griechen waren begeistert von den Neuinterpretationen. Offenbar hatte da jemand etwas verstanden, von dem sie dachten, das könne nur ein Grieche verstehen – so wird es ihm zumindest oft gesagt. Und: auf einmal klingen die alten Lieder wieder frisch und neu. Über die Veröffentlichung des Debütalbums berichten sogar die Hauptnachrichten des staatlichen Fernsehens. Zahllose Einladungen für Interviews von Tageszeitungen und Zeitschriften, Radiosendern und Onlinemagazinen folgen, die großen Radiostationen spielen seine Songs, „Morning in Minor“ sogar in der Hot-Rotation am Athener Flughafen.

Das erste Konzert im Athener Club „Stavros tou Notou“ war sofort ausverkauft, es gab immer mehr Einladungen und weitere Konzerte. Der Höhepunkt: das Konzert im Herodes Atticus Theater in Athen, wo er als einziger Nicht-Grieche zusammen mit der Sängerin Giota Negka, dem Folk-Gitarristen Dimitris Mystakidis und vielen weiteren Größen des Rembetiko auf der Bühne stand. „Und als die Hochschule für Musik in Arta einen meiner Songs als Positivbeispiel in die Prüfung für das Fach ‚Ästhetik der traditionellen Musik‘ aufnahm, dachte ich, ok, so falsch kann das dann nicht gewesen sein, was ich da gemacht habe.“ Am germanistischen Institut der Athener Kapodistrias Universität gibt er seit 2019 Workshops für Pro- und Hauptseminare zur Übersetzung von Liedtexten.

Ende 2019 ging er auf Tour mit dem Sänger und Rembetiko-Gitarristen Dimitris Mystakidis. Nach dem vierten Konzert musste die Tour abgebrochen werden. Corona machte allem Weiteren einen Strich durch die Rechnung.

Das neue Album:

Stattdessen produzierte Christian eine neue CD. Das Doppelalbum Heavy Seas at the Cape of Good Hope ist während des Lockdowns in Athen entstanden, der dort viel strenger war als in Deutschland. Ohne gute Gründe, mit denen man sich per SMS von den Behörden abmelden musste, durfte man nicht aus dem Haus gehen, ohne schriftliche Genehmigung den eigenen Postleitzahlbereich nicht verlassen – das Tonstudio lag aber 25 km außerhalb von Athen – auf dem Weg dorthin habe man viele Straßensperren vorausschauend umfahren müssen, sagt er.

Der Sound des zweiten Albums ist urbaner, westlicher arrangiert, es spiegelt den Rhythmus der Stadt, changiert zwischen Memphis-Blues, Funk, Indiefolk, traditionellem Miroloi aus Epirus, anatolischen Tonarten, Bauchtanz sowie griechischer Musik der 1960er Jahre, ist aber auch beeinflusst von der Stille während der Lockdowns.

Zwischen die eigenen Songs auf CD1 sind kurze Soundschnipsel aus der Lockdown-Zeit in Athen eingestreut: Stille U-Bahnstationen, an denen ratternd die Züge vorbeifahren, leises Vogelgezwitscher auf den Hauptstraßen der Stadt – und dann wieder mehr Leben, als die Beschränkungen langsam aufgehoben werden, ein Akkordeonspieler in der Metro, die Durchsagen der Fähre auf dem Weg zu den Inseln, die nun wieder regelmäßig angefahren werden. Die Stimmung der Stadt beeinflusst die Atmosphäre der Songs, mal dunkel und melancholisch, mal voller Hoffnung und Dynamik.

Heavy Seas at the Cape of Good Hope ist Christians erstes selbst produziertes Album. Ohne Vertrag mit einer Plattenfirma, dafür selbstbestimmter und ohne Kompromisse. In Griechenland hat die Musikindustrie durch Corona genauso gelitten, wie überall. Vielleicht noch etwas mehr, schließlich war Griechenland erst wenige Jahre zuvor durch eine schlimme Wirtschaftskrise gegangen. Für Musik und Kunst war schon vor Corona nicht viel Geld da. Trotzdem konnte Christian sich die Musiker aussuchen und mit einem großen Team arbeiten. „Alles richtig gute Leute, die sofort verstanden haben, in welche Richtung das geht. Beeindruckend“. Mit Paraskevas Kitsos spielt Christian seit 5 Jahren zusammen: „Ich wusste, dass wir sehr gut zusammenarbeiten können. Trotzdem hat er mich mit seinen Ideen immer wieder aufs Neue überrascht. Zum Einen machten sie die Songs so viel spannender, zum Anderen spornten sie mich an, bessere Songs zu schreiben. Ohne die Zusammenarbeit mit Paraskevas hätte ich beispielsweise ‚Going home‘ gar nicht erst geschrieben – und das ist unser Lieblingssong des Albums geworden.“

„Die letzten drei Songs haben dann Paraskevas und ich im Alleingang aufgenommen, mit Unterstützung des Toningenieurs Michalis an der Solo-Gitarre.“ Zu heftig sind die Auflagen, zu groß die Angst vor einer Ansteckung. Trotz oder gerade wegen der Improvisation war die Zusammenarbeit noch intensiver und kreativer. „Die Griechen drehen eigentlich erst so richtig auf, wenn es eine Herausforderung gibt und man improvisieren muss – organisiert und nach Plan kann ja jeder“, sagt Christian, „Sowieso muss nicht alles perfekt sein – es darf ruhig mal rumpeln. Man muss hören, dass da Leute auf Instrumenten spielen, dass das Handarbeit ist. Das Wichtigste ist, dass da Musik drin ist. Es muss Melodien geben, die etwas aussagen, die einen auch mal überraschen.“

CD2 widmet sich Coverversionen griechischer Hits. „Wir hatten Songs, die wir zwar live spielen, aber noch nicht aufgenommen hatten. Ich wollte einfach wissen, wie sie klingen, wenn ich sie selbst produziere“, so Christian. Darunter sind mit „Tonight I Drink The Moon“ und „Silence Has Been Falling Deep“ zwei Stücke von Mimis Plessas, die Christian mit ihrer Atmosphäre gepackt haben und schon lange in seinem Repertoire sind, aber auch Manos Hatzidakis Stück „Deep and Silent Sea“. Das kannte Christian schon als Baby über ein Nana Mouskouri-Album seiner Eltern, „es ist ein Song, mit dem jede Griechin und jeder Grieche aufgewachsen ist.“

Das Mikis Theodorakis-Stück „Life Goes On“ hatte Christian gerade in einer Version von Shirley Bassey gehört, als ein griechischer Freund seinen Vater verlor: „Ich habe ich ihn nicht angerufen, weil mein Griechisch nicht so gut war, sondern ihm eine Demo-Version geschickt, die ich zuhause eingespielt habe. Er rief mich an und bedankte sich vielmals“. Und dann ist da noch Christians Lieblingscoverversion des Albums „A Woman Like You“: „4 on the floor und voll auf die 12. Immer noch einer meiner Lieblings-Rembetiko-Songs. Die Melodie, der Text, die Attitüde. Ich wollte den Song aus den 30ern holen, aus dem Rembetiko, dem griechischen Blues, in eine neue Umgebung.“

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Cover: Christian Ronig - Feel The Heat
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